Wenn die KI zum Anruf bei der Telefonseelsorge rät
Der Bochumer Telefonseelsorge-Leiter Ludger Storch ist neuer katholischer Vorsitzender der Telefonseelsorge Deutschland. Er will das bundesweite Angebot zukunftsfest machen – und verweist dabei auf die hohe Nachfrage, neue digitale Zugänge und ein eindrucksvolles Engagement in Bochum und den anderen Telefonseelsorge-Stellen im Ruhrbistum.
Der Leiter der Bochumer Telefonseelsorge, Ludger Storch, bringt sein Know-how nun auch in die bundesweite Arbeit der Telefonseelsorge ein. Die Mitglieder des ökumenischen Vereins Telefonseelsorge Deutschland haben Storch jetzt zum neuen, katholischen Vorsitzenden des bundesweiten Zusammenschlusses der mehr als 100 Telefonseelsorgestellen gewählt. Storchs evangelischer Co-Vorsitzender ist Tobias Walkling (Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee), ihr Stellvertreter wurde Alexander Fischhold (Telefonseelsorge im Erzbistum München und Freising). "Die Telefonseelsorge steht vor wichtigen Schritten, die wir nur gemeinsam gehen können", betonte Storch, der auch Beauftragter für die Telefonseelsorge im Bistum Essen ist, nach seiner Wahl. "Wir wollen fachliche, organisatorische und strukturelle Entwicklungen so voranbringen, dass Menschen uns auch künftig in Krisen zuverlässig erreichen."
Suizidgefahr ist im Frühjahr am höchsten
Allein in Bochum haben die rund 90 ehrenamtlichen Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger im Jahr 2025 mehr als 12.000 Anrufe entgegengenommen.
Während gerade um die Weihnachts- und Silvesterzeit wieder Themen wie Einsamkeit, Trennungen oder die ersten Festtage ohne die verstorbene Partnerin oder den verstorbenen Partner seien häufige Gesprächsanlässe seien, ist Storchs Erfahrung mit der darauffolgenden Jahreszeit: "Im Frühjahr sind die Telefonseelsorgenden häufiger mit konkreten Suizidgedanken oder -absichten konfrontiert. Während in der Weihnachts- und Winterzeit auch viele psychisch labile Menschen zum Beispiel in familiäre Feiern oder Treffen von Freundeskreisen integriert sind, werde psychisch kranken oder anderweitig eingeschränkten Menschen gerade im Frühjahr, wenn das Wetter schön ist und aktive Menschen in den Garten, zu Ausflügen oder in den Urlaub starten, der Unterschied zwischen ihrer eigenen Situation und der von Menschen, denen es vermeintlich besser geht, besonders deutlich bewusst. Die Ursachen für dieses Phänomen sind bislang nicht endgültig geklärt, beobachtet wird es aber bereits seit mehr als 100 Jahren, heißt es bei der Telefonseelsorge. Umso wichtiger sei es, an Depressionen erkrankte Menschen und Menschen in seelischen Notlagen in dieser Zeit besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Immer mehr Beratungen per Chat
Storch berichtet zudem, dass neben der Betreuung am Telefon immer mehr Menschen auch per Online-Chat Kontakt zur Bochumer Telefonseelsorge suchen. Mehr als 500 Chat-Kontakte habe es im Jahr 2025 gegeben - hinzu kamen mehr als 400 Gespräche in der Bochumer Krisenberatungsstelle Prisma. Neben der persönlichen Beratung von Menschen mit Suizidgedanken und deren Angehörigen berät und informiert Prisma auch Gemeindegruppen, Teams im Gesundheitswesen und in Seelsorge- und Beratungsdiensten zur Suizidprävention.
Künstliche Intelligenz rät: Wenden Sie sich an die Telefonseelsorge!
Egal, ob Telefon, Chat oder persönlicher Kontakt - eine Bemerkung hörten die Telefonseelsorgenden inzwischen immer wieder: "Immer häufiger sagen unsere Gesprächspartnerinnen und -partner, dass ihnen eine Künstliche-Intelligenz-Anwendung empfohlen habe, sich an die Telefonseelsorge zu wenden." Offenbar fragen immer mehr Ratsuchende in seelischen Notlagen auch ChatGPT & Co um Hilfe. Und während es in den vergangenen Monaten mehrfach Berichte über US-amerikanische Eltern gab, die den Entwickler-Firmen von KI-Chat-Bots vorwerfen, ihre Kinder beim Suizid unterstützt zu haben, hören die Telefonseelsorgenden in Bochum nun auch von anderen Erfahrungen mit künstlicher Intelligenz. Sie hören von KI, die seelische Probleme erkennt und dann rechtzeitig an qualifizierte Profis verweist - und vor allem an echte Menschen.
Ökumenisches Engagement in mehr als 100 Städten bundesweit
Die Telefonseelsorge ist in mehr als 100 Städten deutschlandweit flächendeckend tätig. Ehren- und hauptamtlich Mitarbeitende stehen ganzjährig rund um die Uhr am Telefon zur Verfügung. Alle Beratungsangebote, also Telefon, Chat- und E-Mail sowie die Vorort-Beratung, sind anonym und kostenfrei. Wie in Bochum gibt es bundesweit an insgesamt 25 Standorten auch Beratung vor Ort. Mit der kostenlosen App "KrisenKompass" bietet die Telefonseelsorge auch Hilfe zur Selbsthilfe bei depressiven Gefühlen und Suizidgedanken für Betroffene und Angehörige. Durch die Unterstützung der Deutschen Telekom sind die Telefonnummern 0800/1110111 und 0800/1110222 gebührenfrei erreichbar. Die Telefonseelsorge Deutschland ist ein ökumenischer Verein, der von den beiden großen Konfessionen getragen wird.
Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit dank ehrenamtlichem Engagement
Dank eines ehrenamtlichen Schichtdienstes ist die Telefonseelsorge ganzjährig rund um die Uhr erreichbar. Während es bundesweit in vielen Telefonseelsorge-Stellen schwierig sei, genügend Ehrenamtliche zu finden, sei die Situation in den Städten und Kreisen des Ruhrbistums derzeit stabil, so Ludger Storch. In Bochum sei die Zahl der Ehrenamtlichen in den vergangenen Jahren sogar deutlich auf derzeit über 90 gestiegen. Allein im laufenden Jahr konnten 16 neue Ehrenamtliche für die Mitarbeit am Telefon und im Chat qualifiziert werden, so Storch. Wer bei der Telefonseelsorge mitmachen möchte, kann sich im Bistum Essen direkt an die Telefonseelsorge-Stellen in Duisburg (auch für Mülheim und Oberhausen), Bochum (auch für Hattingen und Witten), Essen (auch für Bottrop, Gelsenkirchen und Gladbeck) und Hagen-Mark (für den Ennepe-Ruhr- und Märkischen Kreis) wenden.
(Quelle: Thomas Rünker/Bistum Essen, Foto: privat)