Caritasverband für Bochum und Wattenscheid e. V., 28.03.2017

Jugendliche ohne Ausbildung fördern

Arbeitslosenreport NRW der Wohlfahrtspflege mahnt, Jugendliche nicht in die Ausbildungslosigkeit fallen zu lassen

I m letzten Ausbildungsjahr standen NRW-weit 136.400 ausbildungssuchend gemeldeten Bewerbern nur 110.800 Ausbildungsstellen gegenüber – dies bedeutet eine Ausbildungslücke von 25.600 Stellen.

auszubildende-300.jpg Auch in Bochum gibt es eine Differenz zwischen Angebot und Nachfrage: Auf 2.098 gemeldete Ausbildungsstellen kommen 2.734 gemeldete Bewerber. Der Datenreport der Freien Wohlfahrtspflege belegt, dass Ende September 2016 landesweit noch 23.078 Ausbildungsbewerber unversorgt waren oder aus einer Alternative heraus weiter nach einem ihrem Wunsch entsprechenden Ausbildungsplatz suchten. In Bochum waren zu diesem Stichtag 522 Ausbildungsbewerber*innen unversorgt. Allein statistisch gesehen fehlen in Bochum 636 Ausbildungsstellen.

Der Arbeitslosenreport NRW stellt außerdem fest, dass das Ausmaß der Angebotslücke noch weitaus größer ist. Um realistisch für alle Jugendlichen ein auswahlfähiges Angebot an Ausbildungsplätzen vorzuhalten, wäre ein Ausbildungsplatzüberhang nötig. Bereits in den 1970er Jahren legte man dafür einen Richtwert von 12,5 Prozent fest. Demnach wäre in Bochum für das letzte Ausbildungsjahr erst bei einem Ausbildungsplatzangebot von 3.076 Stellen (tatsächlich nur 2.098 Stellen) von einer entspannten Lage am Ausbildungsmarkt zu sprechen.

Trotz des seit Jahren diagnostizierten Fachkräftemangels ist in vielen Branchen eine notwendige signifikante Erhöhung der Ausbildungsanstrengungen nicht zu erkennen. "Wenn die Prinzipien von Angebot und Nachfrage nicht funktionieren" , kommentiert Ulrich Kemner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Bochumer Wohlfahrtsverbände und Caritasdirektor diese Daten, "sollte von öffentlicher Seite aus nachgesteuert werden."  Deshalb fordert die Freie Wohlfahrtspflege die Landesregierung auf, auch die Chancen einer Ausbildungsplatzabgabe in NRW ernsthaft zu prüfen.

Der Arbeitslosenreport NRW warnt, dass die anhaltende Ausbildungsplatzlücke dazu führt, dass der Anteil jugendlicher Arbeitsloser ohne Berufsabschluss steigt. NRW-weit haben 68 Prozent der Arbeitslosen unter 25 Jahren keinen Berufsabschluss. Auch in Bochum sind 75 Prozent der Arbeitslosen unter 25 Jahren ohne Ausbildung. Erschreckend ist außerdem, dass 18 Prozent der Arbeitslosen unter 25 Jahren in 2016 keinen Schulabschluss haben. Landesweit sind es sogar 22 Prozent.

Gerade Jugendliche, die Probleme haben, einen Ausbildungsplatz zu finden bzw. eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen, brauchen Unterstützung und Förderung durch intensive ausbildungsvorbereitende und ausbildungsbegleitende Maßnahmen. Allerdings weist der Arbeitslosenreport NRW im Gegenteil nach, dass landesweit ein Rückgang bei ausbildungsunterstützenden Maßnahmen für Jugendliche festzustellen ist. Vor allem ausbildungsbegleitende Maßnahmen sind stark rückläufig. Wurden 2012 noch knapp 28.000 ausbildungsbegleitende Maßnahmen gefördert, waren dies im Zeitraum von November 2015 bis Oktober 2016 nur noch knapp 18.750. Auch in Bochum ist in diesem Zeitraum ein Rückgang von 130 ausbildungsbegleitenden Maßnahmen zu verzeichnen.

"Aus unserer Sicht ist das eine fatale Entwicklung", erklärt Ulrich Kemner. "Solange keine Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt erreicht ist, sollten und müssen berufsvorbereitende, ausbildungsbegleitende und -unterstützende Angebote durch die Agentur für Arbeit und durch das Jobcenter in ausreichender Zahl gefördert werden." Nicht versorgte Ausbildungsplatzbewerber*innen benötigten Alternativen, wenn kein betrieblicher Ausbildungsplatz gefunden wird. Nur so könne ein späterer Hartz IV-Bezug vermieden werden.


Hintergrund:

Die Wohlfahrtsverbände in NRW veröffentlichen mehrmals jährlich den "Arbeitslosenreport NRW". Darin enthalten sind aktuelle Zahlen und Analysen für Nordrhein-Westfalen; Basis sind Daten der offiziellen Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit. Jede Ausgabe widmet sich einem Schwerpunktthema. Hinzu kommen Kennzahlen zu Unterbeschäftigung, Langzeitarbeitslosigkeit und zur Zahl der Personen in Bedarfsgemeinschaften, um längerfristige Entwicklungen sichtbar zu machen.

Der Arbeitslosenreport NRW ist ein Kooperationsprojekt der Freien Wohlfahrtspflege NRW mit dem Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) der Hochschule Koblenz. Ziel der regelmäßigen Veröffentlichung ist es, den öffentlichen Fokus auf das Thema Arbeitslosigkeit als wesentliche Ursache von Armut und sozialer Ausgrenzung zu lenken, die offizielle Arbeitsmarktberichterstattung kritisch zu hinterfragen und dabei insbesondere die Situation in Nordrhein-Westfalen zu beleuchten. Alle Ausgaben des Arbeitslosenreports sowie weiterführende Informationen unter: http://freiewohlfahrtspflege-nrw.de/initiativen/arbeitslosenreport-nrw/